Dienstag, 16. Juni 2026
heilung.
Menschen kommen und gehen, Dinge eskalieren in unerschütterlich festgeschriebenen Kombinationen, verschiedener Formen, Arten und Weisen und manchmal in einer Totenstille, dass es einem die Fußnägel hochrollt. Manchmal ist man nur Zuschauer seines eigenen Lebens, steht mitten in der Menge und schaut aus der Vogelperspektive auf eine zerschlissene, verdreckte Leinwand und vielleicht lächelt man sogar leicht über die Hauptfigur und darüber wie lächerlich unrealistisch doch die Handlung ist, ehe die Reaktionszeit des eigenen Gehirns seine Wirkung entfaltet, das Lächeln auf den Lippen gefriert, als man begreift, dass man selbst diese Hauptfigur ist. Plötzlich richtet sich die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Schatten durchzogenen Menge auf einen selbst, man stellt fest, dass die eigenen Lippen nach Blut schmecken und die Knie derart zittern, dass man Mühe hat stehen zu bleiben.

Wenn man ganz viel Glück hat, verzerren sich die in Dunkelheit gehüllten Gesichter nicht zu abscheulichen Fratzen mit böswillig, wahnsinnigem Grinsen und wenn dem einen oder anderen ein Quäntchen mehr Glück gegönnt wird, dann fällt nicht die Leinwand von der Wand, die Beleuchtungskörper von der Decke auf den eigenen Schädel und man könnte die Gelegenheit erhalten vor dem völligen Zusammenbruch des Kinos das Gebäude eiligst zu verlassen.. also.. wenn einem die Beine gehorchen würden..

Manchmal ist es dann so, dass ein von Sarkasmus durchzogenes schiefes Schmunzeln über mein Gesicht gleitet. Ein leichtes Kopfschütteln schiebt rote Strähnen vor die grünen Augen und ich stelle mir dann eine simple Frage "Echt jetzt?! Noch mehr?!" Zwischen dieser Frage und dem Moment, in dem ich mich aus der Asche erhebe mit erhobenen, brennenden Schwert, umgarnt von giftigen Schatten und einem an Wahnsinn grenzenden Stolz, liegen so viele Momente, Welten, Tode, dass ich dafür keine Worte finden kann. Letztlich aber auch irrelevant. Letztlich zählt nur das Ergebnis. Das Ergebnis, dass ich wieder stehe wie ein unnachgiebiger, ja.. gezeichneter und mit Rissen übersäter .. aber unerschütterlicher Fels in meinem eigenen Sturm.

Aber da gibt es eine Veränderung. Eine so maßgebliche Änderung, dass sie es wert ist, dass ich versuchen will sie mit meinen Worten einzufangen wie eine schwarze Motte, deren Flügel bei der falschen Berührung in sich zusammen fallen und die Motte zum Tode verurteilen.

Now... we will try.

In meinem höchsteigenen, alles zerstörenden, fundamentalen Sturm, dessen Stärke mir das Gesicht nicht mit Sommersprossen, sondern mit tiefen blutigen Striemen verziert, dessen Dunkelheit eine so essentielle Angst in meiner Brust nährt, dass mein vernarbtes Herz zu einem schwarzen Klumpen wird, der hektisch pumpt und meine Atmung in ein stoßweises Stöhnen vewandelt, versuche ich zu stehen, versuche ich meine Füße in die Welt zu drücken, von der ich längst nicht mehr weiß, ob ich noch Teil ihrer sein will, versuche ich mein gesamtes Gewicht gegen die tosende, alles verschluckende Gewalt zu stemmen.

Und in diesem Augenblick meines härtesten Kampfes schiebt sich plötzlich, unangekündigt und unvorhersehbar, zunächst eine Hand über meinen unteren Rücken an meine Taille.. verhalten.. zart.. unsicher aber beständig und mit einer kraftvollen Ruhe, dass meine Aufmerksamkeit geweckt wird. Irgendwo zwischen dem Schwanken die Hand energisch wegzustoßen und dem plötzlichen Wunsch diese Quelle von unerschütterlicher Kraft anzuzapfen und sie Teil meiner Verteidigung werden zu lassen, obwohl mein Nervensystem sich die Haare rauft und mich anbrüllt, dass ich mich niemals – niemals! – darauf verlassen darf, geben sich Verteidigungsstrategien und naive Hoffnungen die Klinke in die Hand.

Kurz darauf folgt die zweite Hand dem selben Weg, nur auf der anderen Körperseite. Die Fingerspitzen suchen sich eine Position, stabilisieren sich an Ort und Stelle und ich höre wie weitere Füße hinter mir sich in die Ascheversetzte Erde stemmen und Steine unter den Sohlen knirschen. Die Lautstärke des Sturms wird plötzlich leiser, verliert nicht an Intensität oder Schärfe, es ist nur mein Fokus, der sich unweigerlich verschiebt und dieses Gefühl, dass die Bedrohung plötzlich nicht mehr so viel Tragweite hat, dass sie mir alles zu nehmen vermag.

Die Fingerspitzen drücken sich in meine Haut, ein tief eingezogener, fast erschrockener Atemzug in meinem Ohr, ein dumpfes Stöhnen an meinem Hals, als mein Schmerz sich teilt und fremde Fragmente infiltriert..
Ein Körper, der sich vorsichtig aber mit einem keinen Widerspruch duldenden Willen an mich schiebt. Ein Körper, dessen Muskeln sich einzeln spannen wie Drahtseile, bis alle Kraft sich gegen mich presst, in meine kalten Poren dringt und mir nicht nur Geleit gibt, sondern dafür sorgt, dass ich stärker denn je meinem Weltuntergang entgegen stehen kann.

Keine Forderung, kein leeres Versprechen, keine Erwartungshaltung an mein verlorenes Ich, nur ein leises "Ich bin da".
Ein stilles Lächeln voller Zuversicht, das auf meiner Haut vibriert.
Ein starkes Herz, das harte, kräftige Schläge voller pulsierender Liebe in meine Seele katalputiert und mich grundlegend vereinnahmt, dass es manches Mal lauter zu sein vermag als der Tornado in meinen Ohren und eine derart massive grundlegende und unerschütterliche Stärke, an der mein Chaos abprallt und sich verwandelt in bittere Tränen, die fließen, die vergehen und versiegen, bis ein erschöpftes, salziges Lächeln meinen trüben Blick klärt.

In den wenigen Momenten innerer Ruhe schaue ich auf meine Hände, beuge die tauben Finger zur Faust, öffne sie wieder und betrachte mich von innen. Nach einer so unglaublich langen Zeit, dass ich nicht einmal mehr sagen könnte, ob meine Welt nicht schon immer von wabernden Schatten, dunklem Schmerz und lachender Pein durchzogen war, bemerke ich diese neuen, gänzlich unbekannten Fragmente.. helle Schimmer.. Sie sind ganz klein und unscheinbar aber wenn das Licht im richtigen Winkel eindringt, es schafft sich zwischen den scharfkantigen Ritzen meines inneren schwarzen Gerölls hindurchzuschieben, dann funkeln sie.. Sie glitzern.. wie kleine Regenbögen. Wenn ich sie sehe, dann kann ich wieder frei atmen. Wenn ich sie bemerke, dann gluckse ich innerlich bei diesem so artfremden Gefühl, dieser Wärme, die mich erfasst, die mich bedingungslos hält, mich ungefragt überrollt, und jede Gegenwehr im Keim erstickt. Das pastellfarbene Bunt schmiegt sich an meine Schatten, versucht nicht die Vergangenheit zu ändern. Vielmehr legt es sich liebevoll daneben, deutet auf die Sterne, lächelt zärtlich und verrät mir, dass man Sterne nur im Dunkeln zu sehen vermag.

Ich habe lange gebraucht, um den Wandel zu verstehen. Zu verstehen, was das bedeutet. Irgendwann habe ich mir diese fundamentale Änderung eingestanden: Das ist meine Heilung. Er ist meine Heilung.